Die Äquatortaufe
Die Äquatortaufe an Bord eines Schiffes war schon immer eine willkommene Abwechslung. Vor allem an Bord der Segelschiffe.
Tagelang verwendeten die Matrosen all ihre Freizeit für die Vorbereitungen. Aus Lumpen und bunten Abfällen wurden malerische Kostüme zusammengeschneidert für Neptun, seine Frau Thetis und ihren gesamten Hofstaat. Sie wurden bei Erreichen der Äquatorlinie an Bord erwartet, um die jüngsten Seeleute und Weltumsegler zu taufen. Einen Tag vor dem großen Ereignis meldete der Ausguck: „Feuer an Steuerbord“, und Tritons Stimme ertönte aus dem Wasser – in Wahrheit aus dem Bullauge eines Raumes unter Deck, um die hohen Gäste anzumelden. Bei derlei Vorspielen waren der Phantasie des Seemanns keine Grenzen gesetzt.
Pünktlich erschienen sie dann in abenteuerlichem Aufzug: Triton betresst, Neptun mit seinem Dreizack, er und seine Frau Thetis hatten langes wallendes blondes Haar, das nach Hanftauwerk roch, der Astronom kam in einem blauen Mantel, der Barbier erschien mit seinem langen hölzernen Rasiermesser, die Leibgarde bestand aus „Negern“ und „Rothäuten“.
Mit den Täuflingen wurde mitunter so derb umgegangen, dass der Kapitän einschreiten musste. Die Schiffsjungen bekamen die abscheulichsten Pasten verabreicht, wurden in Baljen, d.h. große Wasserbehälter, getaucht, dass ihnen Hören und Sehen verging, und mit Teer und anderen haltbaren Stoffen „einbalsamiert“, bevor der Barbier zum Rasiermesser griff, doch letztendlich erhielten sie ihren liebevoll dekorierten Taufschein. Zur Feier des Tages gab es etwas Gutes zu essen: z.B. Frischbrot und Bratheringe aus Dosen und für die Matrosen Bier und Schnaps. Niemand konnte diesem Ritual entgehen. Jeder Seemann, der Kap Hoorn umrundet hat, kennt es, wurde dazu gezwungen, es auszuhalten.





